Essays

#1: Die Umnebelung der Sinne.

Ich schaue mir gerne Dokumentationen an. Vor einigen Tagen war es in der arte-Mediathek „Alkohol - Der globale Rausch“ von Andreas Pichler. Den ersten Satz, den ich in der Info gelesen habe, fand ich schon hochinteressant: „Europa leistet sich die größte legale offene Drogenszene der Welt: Jeder hat Zugang zu Alkohol.“ Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, ob Alkohol eine Droge ist. Oder ob ich Alkohol Drogen zuordnen würde. Ich habe es erst einmal auf mich wirken lassen. Es ist ja durchaus allgemein bekannt, dass Alkohol bewusstseins- und wahrnehmungsverändernd wirkt. Ich kam für mich zu dem Ergebnis, dass diese Aussage durchaus zutreffend ist. Worüber ich bisher auch noch nicht nachgedacht hatte, waren die wirtschaftlichen Aspekte: Der Weinsektor ist Europas wertvollster Exportmarkt im Bereich Agrar und Lebensmittel. Daneben stehen Spirituosen an der Spitze der europäischen Lebensmittelexporte.
Ich habe eine besondere Beziehung zu Alkohol und Alkoholkonsum. In meiner Familie spielte der Alkoholkonsum eine wesentliche Rolle. Ich habe über viele Jahre hinweg erst einmal per se alle, die auch
wirklich nur ein Glas Wein oder Bier tranken, als Alkoholiker abgestempelt. Der Alkohol umnebelt also nicht nur die Sinne des Alkoholikers, sondern auch die der nahestehenden Menschen. Eine andere Sichtweise zu entwickeln war mühsam für mich.
David Nutt, ein britischer Psychiater und Psychopharmakologe, sagt in der Dokumentation: „Alkohol ist eine wunderbar clevere Droge. Er mischt überall mit.“ Er sagte das in dem Kontext, wie Alkohol auf das Gehirn wirkt. Im Grunde ist es aber so: Die Alkoholsucht mischt überall mit. Nicht nur im individuellen Leben des Alkoholkranken, sondern auch im Leben aller anderen Familienmitglieder, anderen nahestehenden Menschen und bei den Kollegen*innen im beruflichen Umfeld.

Vier Fragen haben mich immer sehr beschäftigt:

  1. Warum beginnt jemand zu trinken?
  2. Warum schafft es jemand, ein „zu viel“ zu bemerken und aufzuhören, ein anderer aber nicht?
  3. Wann fängt eigentlich die Abhängigkeit an?
  4. Was bedeutet Co-Abhängigkeit wirklich?

Antworten auf meine Fragen habe ich während meiner persönlichen systemischen Arbeit erhalten.

Besorgt schaue ich auf den sorglosen, oft tabuisierten und verharmlosten gesellschaftlichen Umgang mit dem Alkoholkonsum. Dieser unbewusste Umgang damit wird mir immer dann besonders klar, wenn ich ein Glas Wasser dem „Gläschen Sekt“ vorziehe: „Magst Du wirklich kein Glas Sekt?“ „Nein, danke.“ „Wirklich nicht?“ „Wirklich nicht.“ „Auch nicht zum Anstoßen?“ „Nein, auch nicht zum Anstoßen, lieben Dank.“ „Wir haben auch Wein …“ „Danke, aber heute bleibe ich einfach bei Wasser.“ Oft geht es dann noch weiter und wiederholt sich während des Zusammenseins. Manchmal kommt auch irgendwann der Mut auf für die Frage, ob ich Alkoholikerin sei und deshalb nichts trinken möchte.
Es ist für viele schwer annehmbar, dass jemand einfach nur bei Softdrinks bleiben möchte.
Genauso schwer annehmbar ist es für viele, dass jemand tatsächlich ein Alkoholproblem hat.
Nicht nur im persönlichen Umfeld desjenigen wird das Thema aus Scham heruntergespielt oder gar verleugnet, sondern auch im beruflichen Umfeld. Hierarchieunabhängig. So meine eigenen Erfahrungen.

Wie damit umgehen, dass Vater/Mutter, Ehe-/Lebenspartner*in, Freund*in, Vorgesetzte*er, Mitarbeiter*in oder Kollege*in wirklich ein Alkoholproblem hat?
Oder mit der Vermutung, dass eines bestehen könnte?

Meine Mutter hat mehr als zwei Jahrzehnte geglaubt und gehofft, dass sie meinen Vater dazu bewegen kann, mit dem Trinken aufzuhören. Sie hat lange Zeit gedacht, sie kann sich schon irgendwie damit arrangieren. Letztendlich hat sich von ihm getrennt.